Weg vom Schreibtisch – zurück zu den Patienten

Hamburgische Krankenhausgesellschaft veröffentlicht Forderungskatalog
14.01.2019

Anlässlich ihres Gesundheitspolitischen Jahresauftakts am 10. Januar 2019 veröffentlichte die Hamburgische Krankenhausgesellschaft ihre Forderungen für das Jahr 2019 an Gesundheitspolitik und Krankenkassen. Überschrieben mit dem Titel "Weg vom Schreibtisch - zurück zu den Patienten" nehmen diese die ausufernde Regelungsdichte durch Bürokratie, detaillierte Strukturvorgaben, Nachweispflichten und Kontrollen zum Anlass, einen Kurswechsel anzumahnen. Joachim Gemmel, 1. Vorsitzender der HKG, forderte: „Misstrauen, Kontrollwahn und Bürokratiewildwuchs müssen ein Ende haben. Wir wollen wieder Zeit für unsere Patienten haben. Dafür brauchen wir einen Paradigmenwechsel in der Politik, der die wichtigen Themen in den Fokus nimmt: Personalgewinnung, Ergebnisqualität und Digitalisierung.“.

Ärzte und Pflegekräfte müssen wieder an den Patienten arbeiten – und nicht am Computer

Seit mehreren Jahren führt der intensive Regulierungswillen des Gesetzgebers und eine Grundhaltung des Misstrauens gegenüber Krankenhäusern zu massiv steigenden Anforderungen an Dokumentation, Nachweisen und Bürokratie. Zunehmende Auseinandersetzungen mit den Krankenkassen und ihrem Medizinischen Dienst (MDK) kommen erschwerend hinzu. Ärzte sind heute rund vier und Pflegekräfte rund drei Stunden pro Tag durch Administration und Dokumentation, also patientenferne Tätigkeiten, gebunden. Diese Zeit fehlt ihnen nicht nur für ihre Patienten, sie werden dadurch auch erheblich belastet und demotiviert. Ärzte und Pflegekräfte müssen dringend von Aufgaben befreit werden, die patientenfern sind. Dies schafft zum einen schlagartig Kapazitäten für mehr ärztliche Versorgung und Pflege am Patienten, zum anderen steigert es die Zufriedenheit mit dem Beruf und seine Attraktivität. Daher ist die zentrale Stellschraube gegen den Fachkräftemangel ein spürbarer Bürokratieabbau.

Digitalisierung muss finanziert werden und zum Bürokratieabbau genutzt werden

Die Digitalisierung der Kliniken muss unbedingt genutzt werden, um das Fachpersonal der Krankenhäuser zu entlasten. Dokumentation und Berichtsfunktionen müssen weitgehend automatisiert werden, sodass sie im normalen Krankenhausbetrieb ohne zusätzlichen Aufwand gleichzeitig erstellt werden können. Um solche Entlastungspotentiale zu nutzen, muss die lange angekündigte flächendeckende Digitalisierungsoffensive Wirklichkeit werden - gekoppelt mit einem entsprechenden Investitionsprogramm.

Die Pflegeausbildung muss stärker beworben und ausgebaut werden

Um die Personalsituation in den Krankenhäusern zu verbessern muss die Gewinnung von beruflichem Nachwuchs weiter intensiviert werden. Alle Hamburger Kliniken unternehmen bereits hohe Anstrengungen, um junge Menschen für das Gesundheitswesen zu begeistern. Die Pflegeausbildung konkurriert jedoch bei Schulabsolventen mit zahlreichen anderen Berufen. Die Pflege bietet eine sichere berufliche Perspektive mit zahlreichen Entwicklungsmöglichkeiten; der Beruf verspricht eine gute Vergütung, hohe Zufriedenheit durch große Verantwortung und intensiven zwischenmenschlichen Kontakt. Daher muss mit vereinten Kräften aller Akteure im Gesundheitswesen intensiv für den Pflegeberuf geworben werden.

Die neue Pflegeausbildung muss gut finanziert werden

Mit der neuen Pflegeausbildung steigen die Anforderungen an die Ausbildungseinrichtungen und Pflegeschulen, beispielweise in Bezug auf die Qualifikation der Lehrer und auf kleinere Klassen. Dies soll einerseits die Qualität und Attraktivität der Ausbildung erhöhen, anderseits wird die Ausbildung aber auch teurer. Die geplante Pauschalierung der Ausbildungsfinanzierung ist zwar eine Vereinfachung; sie kann jedoch dazu führen, dass die Finanzierung nicht für alle Einrichtungen und Schulen ausreichend ist. Damit würde das Ziel des Gesetzgebers, die Pflegeausbildung zu fördern, verfehlt. Bei der Finanzierung der neuen Pflegeausbildung darf keinesfalls gespart werden.

Neue Berufsbilder müssen anerkannt, angerechnet und finanziert werden

Um kurzfristig entstehende Besetzungslücken zu schließen ist eine höhere Flexibilität der einzusetzenden Berufsgruppen und pflegeentlastender Maßnahmen erforderlich. Ein Krankenhaus arbeitet heute nicht mehr nur mit Pflegekräften und Ärzten, sondern mit einem sehr ausdifferenzierten Mix unterschiedlich qualifizierter und spezialisierter Fachkräfte und Assistenzberufe. Auch unter den neuen Besetzungsvor-schriften für die Pflege muss die Arbeit im Qualifikationsmix weiterhin möglich sein, da dieser zu mehr Qualität und einer wirtschaftlichen Organisation beiträgt. Dafür müssen die Anrechnungsquoten der vielen pflegeentlastenden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter (Stationsassistenten, Dokumentations-assistenten, Serviceassistenten, Pflegeassistenten u.v.m.) in den Personalvorschriften flexibilisiert und verbessert werden. Die staatliche Anerkennung neuer Berufsbilder und die Aufnahme in die gesetzliche Ausbildungsfinanzierung des operationstechnischen Assistenten (OTA), anästhesietechnischen Assistenten (ATA) oder chirurgisch-technischen Assistenten (CTA) ist lange überfällig.

Personal- und Investitionskosten müssen vollständig refinanziert werden

Mit der Einführung des fallpauschalierten Entgeltsystems vor 17 Jahren hat man die Krankenhäuser bewusst unter erheblichen wirtschaftlichen Druck gesetzt. Die Krankenhäuser haben reagiert und haben bei hervorragenden Qualitätsergebnissen und ständig steigenden Patientenzahlen die Behandlungsabläufe optimiert und ihre Organisationen umgebaut, um mit der im internationalen Vergleich niedrigen Vergü-tung auszukommen. Bei defizitärer Investitionsfinanzierung der Länder flossen und fließen regelmäßig Teile der Betriebserlöse in die Kofinanzierung der Krankenhausträger von Baumaßnahmen ab. Zusätzlich verordnete Sparprogramme der letzten Jahre, wie die Zwangsrabattierung von zusätzlichen Leistungen, verschlechtern die Erlössituation weiter. Dies hat dazu geführt, dass die Personaldecke weiter ausgedünnt werden musste, besonders im Pflegebereich. Die aus der jahrzehntelangen Unterfinanzierung entstandenen Probleme bei der Personalbesetzung haben zu dem gesetzgeberischen Reflex von mehr Detailvorschriften, Dokumentation und Kontrolle geführt - aus Sicht der Krankenhäuser völlig ungeeignete Maßnahmen, um den Personalmangel zu bekämpfen. Eine ausreichende und verlässliche Finanzierungssicherheit der Personal- und Investitionskosten muss sichergestellt werden.

Misstrauen und Unterstellungen müssen aufhören

Der Wandel in der Krankenhausorganisation hat auf Seiten der Krankenkassen und des Gesetzgebers Misstrauen ausgelöst. Man unterstellt Krankenhäusern vorrangig finanzielle Interessen und verfestigt dieses Bild seit Jahren durch einseitige Meldungen über Falschabrechnung und anscheinend unbegründet steigende Fallzahlen. Ausgeblendet wird zum einen die demographische Entwicklung, zum anderen, dass der wirtschaftliche Druck hauptsächlich durch die defizitäre Personalkostenfinanzierung des DRG-Systems und die seit Jahren unzureichende Investitionsfinanzierung der Länder ausgelöst wurde.

Leider wird die Stimme der Krankenhäuser, die unter den aktuellen Rahmenbedingungen arbeiten und wirtschaftlich überleben müssen, nicht ausreichend gehört. Dass Krankenhäuser das Rückgrat der medizinischen Versorgung bilden, wird als selbstverständlich hingenommen. Die Misstrauenskultur ist für die Mitarbeiter, die mit hoher Verantwortung rund um die Uhr oft unter schwierigen Bedingungen arbeiten, wenig wertschätzend und demotiviert sie erheblich. Misstrauen und Unterstellungen gegenüber Krankenhäusern müssen ein Ende haben.

Der Medizinische Dienst der Krankenversicherung muss zum Medizinischen Dienst des Gesundheitswesens werden

Die Prüfungen des Medizinischen Dienstes der Krankenversicherung (MDK) binden in den Krankenhäusern erhebliche Ressourcen des eigenen Fachpersonals, das beim Patienten sinnvoller eingesetzt wäre. Da alle diese Prüfungen von den Krankenkassen beauftragt werden, die den MDK finanzieren, kann von einer Neutralität des MDK heute in keiner Weise gesprochen werden. Mit den Ergebnissen der MDK-Prüfungen und Begutachtungen sollen vor allem Sparziele durchgesetzt werden. Deswegen sollte der MDK aus der einseitigen Trägerschaft durch die Krankenkassen herausgelöst und für die Aufgabenfelder Abrechnungsfragen, strukturelle Prüfungen und Qualitätskontrollen in eine neutrale Trägerschaft überführt werden. Zusätzlich müssen MDK Prüfungen quantitativ reduziert und deutlich vereinfacht werden, etwa durch Rückkehr zu einem Stichprobenverfahren oder durch eine mengenmäßige Obergrenze.

Ergebnisqualität muss das entscheidende Kriterium werden

Ergebnisqualität misst die Behandlungsqualität am Patienten und ermöglicht somit eine Bewertung, ob gute oder schlechte Qualität vorliegt und wie sie sich im Zeitverlauf entwickelt. Der Weg, auf dem ein Krankenhaus gute Qualität erzielt, ist nachrangig. Die Qualitätssicherung im Krankenhaus mit ihrer über 20-jährigen Entwicklungsgeschichte basiert auf zahlreichen gut belegten Prozess- und Ergebnisqualitäts-Parametern. Sie ist allerdings inzwischen zu einer gefühlten Selbstverständlichkeit geworden.

Mit Hochdruck müsste daran gearbeitet werden, vorhandene Ergebnisqualitätsindikatoren für die gewünschte Versorgungssteuerung weiterzuentwickeln und neue Indikatoren zu erschließen. Nachweislich gute medizinische Qualität am Patienten muss belohnt, schlechte Qualität öffentlich gemacht und ggf. sanktioniert werden. Durch eine stringente Orientierung an der Ergebnisqualität wird sichergestellt, dass Patienten die bestmögliche Versorgung erhalten. Ein spürbarer Schritt zum Bürokratieabbau – und zugleich zur weiteren Qualitätssteigerung – sollte daher sein, die aufwendigen und detaillierten Strukturvorgaben durch Ergebnisqualitäts-Indikatoren abzulösen. Dies würde die Krankenhäuser und ihr Personal erheblich entlasten.

Die Forderungen 2019 der Hamburgischen Krankenhausgesellschaft sind als Anlage beigefügt.

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